Moderne Wohnmodelle

Jürgen Seiler bittet zum Gespräch

In loser Reihenfolge führt Jürgen Seiler, geschäftsführender Gesellschafter von Bau’72, Gespräche rund um das Bauen. Zum Thema „Innovative Wohnmodelle“ ist Dr. Roman Glaser sein Gesprächspartner. Seit Januar 2013 ist er Präsident des Baden-Württembergischen Genossenschaftsverbands (BWGV) und betrachtet dieses Thema aus einem besonderen Blickwinkel.

Dr. Roman Glaser studierte Wirtschaftswissenschaften und promovierte an der Universität Hohenheim. 1999 wurde er Mitglied des Vorstands, ab 2002 Vorsitzender des Vorstands der Volksbank Baden-Baden/Rastatt. Im Gespräch möchte Jürgen Seiler erfahren, welche Perspektiven das Genossenschaftswesen zu bieten hat.

Jürgen Seiler

In den vorangegangenen Gesprächen hatte ich Gelegenheit mit Fachleuten aus Politik und Wirtschaft über die Entwicklung des Wohnungsbaus in der Zukunft zu sprechen. Auswirkungen der EnEV 2016/2020 und der neuen Landesbauordnung waren ebenso Themen wie die Verknappung von Grundstücksressourcen und die Finanzierung in der Niedrigzinsphase. Nun kann ich mit Dr. Roman Glaser darüber sprechen, welche Antworten das genossenschaftliche Modell hinsichtlich des demografischen Wandels geben und wie es Lösungen für zukünftige Herausforderungen aufzeigen kann.

Dr. Roman Glaser

Es ist beeindruckend zu sehen, dass Genossenschaften mit ihrem stark basisdemokratischen und transparenten Geschäftsmodell insbesondere dort ansetzen, wo heute drängende gesellschaftliche und wirtschaftliche Herausforderungen warten. Wer sich mit der Zukunft des Bauens und des Wohnens und dann auch mit modernen Wohnmodellen beschäftigt, kommt daher an Genossenschaften nicht vorbei.

Jürgen Seiler

Was macht denn den besonderen Stellenwert des genossenschaftlichen Bauens aus? Welche Vorteile sehen Sie dort für den Bauherrn und die künftigen Bewohner?

Dr. Roman Glaser

Wenn Menschen sich in einer Genossenschaft zusammentun, dann steht nicht die kurzfristige Rendite im Vordergrund, sondern es geht immer um langfristigen Nutzen und nachhaltigen Erfolg. „Genossenschaftliches Bauen“ wird daher stets ökologische und ökonomische Aspekte sowie gesellschaftliche Relevanz berücksichtigen. Die Frage, wie die immer knapper werdende Ressource „Wohnraum“ in Städten und auch für junge Familien erschwinglich werden kann, ist so allerdings noch nicht gelöst.

Jürgen Seiler

Gerade unter dem Aspekt der Verknappung von Grundstücken und damit einhergehend von Bauprojekten, steht das „Mehrgenerationen-Wohnen“ meines Erachtens wieder im Fokus. Wird dieses Thema auch von Genossenschaften aufgegriffen?

Dr. Roman Glaser

Ja, dies geschieht immer häufiger. Denn gerade angesichts des demographischen Wandels stellt es eine immer größer werdende Herausforderung dar, Konzepte zu realisieren, wie Senioren möglichst lange selbstständig in den eigenen vier Wänden leben können. Neben baulichen und technischen Innovationen spielen die Bereiche Unterstützung und Hilfe im Alltag sowie pflegerische Angebote – durchaus auch aus der eigenen Familie – eine zentrale Rolle. Senioren- oder Familiengenossenschaften können eine praktikable Lösung für diese Herausforderung sein.

Jürgen Seiler

Auch unterschiedliche private Interessengruppen können eine Genossenschaft gründen, um beispielsweise ein Mehrgenerationenhaus gemeinsam zu errichten. Dies ist ja durchaus ein interessanter Ansatz, um dem Problem der Verknappung von Wohnraum und Grundstücken entgegenzuwirken.

Dr. Roman Glaser

Richtig. Ein Modell kann durchaus eine Genossenschaft sein, die als Eigentümerin und Bauherrin eines altersgerechten Gebäudes Menschen die Möglichkeit bietet, im Alter selbstbestimmt wohnen zu können. Dafür können die Gebäude vielfältig genutzt werden, indem barrierefreie Wohnungen ebenso untergebracht sind wie eine Pflegeeinrichtung, Apotheken, Ärzte oder Geschäfte. Erweiterbar sind solche neuen Wohnformen dergestalt, dass Alte und Junge zusammenleben und füreinander einstehen, indem beispielsweise Kinder von Berufstätigen  von älteren Menschen im Haus betreut werden. Hier könnte die Genossenschaft sogar in Zusammenarbeit mit geeigneten Institutionen die räumlichen Voraussetzungen schaffen. Und da es sich um eine Genossenschaft handelt, die ihren Mitgliedern gehört, wird stets das Wohl der Bewohner und nicht eine möglichst hohe Rendite im Vordergrund stehen.

Jürgen Seiler

Unter diesem Aspekt des Gemeinwohls stellen sich solche Projekte durchaus als interessante Alternative dar. Allerdings wird man wohl auch in der Zukunft nicht auf Investoren verzichten können, die auch aus Renditegesichtspunkten investieren und somit für eine Verbesserung des Wohnraumangebots sorgen. Vielen Dank für das Gespräch, Herr Dr. Glaser. 

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